Generationenvertrag braucht faire Diskussion zwischen Jung und Alt zurück
Rund 460 Gäste bei Diskussion "Generationenvertrag – ein Auslaufmodell?"
Veranstaltungsübersicht
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Wann und Wo?21. Juni 2010 Raiffeisenlandesbank Oberösterreich |
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„Generationenvertrag – ein Auslaufmodell?“ Die Beantwortung dieser Frage stand im Mittelpunkt einer Diskussionsveranstaltung der Jungen Wirtschaft OÖ, Jungen Industrie OÖ und der Raiffeisenlandesbank OÖ im RaiffeisenForum in Linz.
Vor rund 460 Gästen diskutieren Mag. Markus Raml, Vorsitzender der Jungen Wirtschaft OÖ, DI Christoph Merckens, Vorsitzender der Jungen Industrie OÖ, Mag. Christine Mayrhuber, wissenschaftliche Mitarbeiterin des WIFO, DDr. Paul Eiselsberg, Markt- und Meinungsforscher im Institut für Markt- und Sozialanalysen IMAS, und Dr. Ludwig Scharinger, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ, über notwendige Leitlinien, Maßnahmen und Forderungen zum Generationenvertrag.
Raml fordert „New deal“
Markus Raml, Vorsitzender der Jungen Wirtschaft OÖ, präsentierte drei kritische Gedanken zum Generationenvertrag:
- Der Generationenvertrag läuft auf einer schiefen Bahn zum Vorteil der Älteren. Raml räumte ein: „Wir wollen niemandem etwas wegnehmen, sondern ein faires Miteinander zwischen Jung und Alt.“
- Die Asymmetrie hat bei vielen Jungen das Gefühl ausgelöst, Systemverlierer zu sein. Die Junge Wirtschaft will die Jüngeren auf dieses Zukunftsthema hin sensibilisieren.
- Die Junge Wirtschaft fordert einen neuen Generationenvertrag, einen „New deal“, der nachhaltig, fair und sicher ist.
Flachere Gehaltskurve
Darüber hinaus plädierte Raml für höhere Einstiegsgehälter und eine flachere Gehaltskurve. Von diesem Modell würden sowohl die jüngeren als auch die älteren Arbeitnehmer, und auch die Arbeitgeber profitieren. Denn bei flacheren Gehaltskurven würde man als Unternehmer nicht so leicht verführt, auf das Know-how der älteren Generation zu verzichten, weil jüngere Mitarbeiter billiger sind. Raml zeigte sich als großer Befürworter des schwedischen Pensionsmodells: „Wer früher in Pension geht, bekommt weniger Geld. Wer dagegen länger bleibt, muss dementsprechend profitieren.“
Einhalten des gesetzlichen Pensionsantrittsalters
In den Pensionsreformen der vergangenen Jahre erkennt Christoph Merckens, Vorsitzender der Jungen Industrie OÖ, durchaus gute Ansätze. Allerdings hätte es bei der konkreten Umsetzung immer wieder Abstriche gegeben: „70 Prozent der Menschen in Österreich gehen heute schon vor Erreichen des gesetzlichen Pensionsantrittsalters in Pension. Daher fordern wir, dass die vielen Schlupflöcher endlich geschlossen werden.“ Darüber hinaus seien manche Fristen nicht nachvollziehbar: „Die Anhebung des Pensionsantrittsalters auf 65 bei Frauen soll bis 2033 durchgeführt werden. Das ist gut für jene, die während dieser Zeit in Pension gehen. Aber alle anderen haben das später zu finanzieren.“ Daher sieht Merckens es als wichtige Aufgabe der Jungen Industrie OÖ, sich für eine entsprechende Bewusstseinsbildung bei der jüngeren Generation einzusetzen.
Wirtschaftswachstum als politischer Spielball
„Man erklärt uns laufend, dass auch in Zukunft alles in Ordnung sei. Bei den Berechnungen wird aber oftmals von einem falschen - nämlich zu hohen - Wirtschaftswachstum ausgegangen. Und dagegen wehren wir uns“, so Merckens. Nichts desto trotz müsse die Diskussion zwischen den Generationen weiterhin fair und in Ruhe geführt werden, ohne Angst zu schüren.
Einschätzung des österreichischen Pensionssystems
Paul Eiselsberg vom Institut für Markt- und Sozialanalysen IMAS zeichnete auf Basis einer Umfrage ein Stimmungsbild zur aktuellen Einschätzung des österreichischen Pensionssystems. Demnach glauben rund zwei Drittel der Befragten nicht an die Umsetzbarkeit des Generationenvertrags in der Zukunft. Immerhin sind mehr als die Hälfte aber dennoch überzeugt, dass sie selbst noch eine staatliche Pension erhalten werden. Rund ein Drittel bezweifelt dies aber. Mit einer privaten Vorsorge haben sich bereits zwei Drittel der Befragten abgesichert. Bei den Vorsorgeinstrumenten führt mit großem Abstand eindeutig die Lebensversicherung.
Über Bewusstseinsbildung zu einem neuen Innovationsklima
Bei der Diskussion müsse man laut Eiselsberg eigentlich beim mentalen Befinden der Gesellschaft anfangen: „Eine immer älter werdende Gesellschaft geht natürlich stark in Richtung Stabilität und Sicherheit. Jeder wünscht sich Verbesserung, aber keine Veränderung. Daher müssen wir auf unser Innovationsklima achten. Denn wir brauchen nicht nur die Erfinder von morgen, sondern wir brauchen auch die, die Erfindungen zulassen.“ Daher sollte man nicht einseitig den Alterungsprozess der Gesellschaft unter dem Pflege-, Gesundheits- und Finanzierungsaspekt diskutieren, sondern man müsse eine Bewusstseinsbildung in Richtung Bereitschaft zur Innovationen starten. Der persönliche Erfindergeist, die Bereitschaft zu Innovationen, also kreativ über neue Wege nachzudenken, ist ein Schlüssel in der heutigen Gesellschaft.
Demografie oft überbewertet
Christine Mayrhuber, wissenschaftliche Mitarbeiterin des WIFO, erkannte in der aktuellen Diskussion um künftige Pensionen eine Überbewertung der Demografie und eine Unterbewertung der Wirtschaftsentwicklung: „Pensionsreformen verpuffen finanziell, wenn sie nicht gemeinsam mit der Arbeitsmarktentwicklung konzipiert werden.“ Wenig rosig sehen laut Mayrhuber die Finanzierungsperspektiven der Alterssicherung in Österreich aus. 2009 wurden 13,3 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) für die Altersaufwendungen für 17 Prozent der Bevölkerung verwendet. Bis 2060 wird sich jedoch die Zahl der Pensionsbezieher dramatisch erhöhen: 28,3 Prozent der Bevölkerung werden für ihre Pensionen mit 13,6 Prozent des BIP das Auslangen finden müssen.
Längeren Erwerb ermöglichen
Mayrhuber stellte fest, dass das österreichische Pensionssystem auf vorzeitiger Pensionierung aufgebaut sei. „Wir müssen eine Kultur des späteren Erwerbsaustritts schaffen. Das geht aber nicht über eine Einzelmaßnahme im Pensionsrecht“, so die WIFO-Expertin, die das finnische System für sinnvoll hält. Im Vergleich zu Finnland sei es in Österreich normal, eine hohe Anzahl von Überstunden zu leisten: „Mit 60 ist die Lebensenergie dann weg. Es muss daher zu einer Umverteilung der Arbeitszeit kommen.“
Die WIFO-Expertin bemängelte, dass in Österreich zwar Pensionsdiskussionen vorhanden seien, diese aber immer über einen zu kurzen Zeitraum geführt werden, sodass sich die junge Generation nicht in diese Diskussion einbringen könne.
Zehn Punkte zur Generationengerechtigkeit
„Ich bin ein Gegner davon, dass man mit 60 Jahren in Pension geht. Wir werden länger arbeiten müssen“, betonte Ludwig Scharinger, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ, in seinem Impulsreferat. Er präsentierte zehn Punkte, die zu Generationengerechtigkeit führen sollen. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählt dabei die Dynamisierung des Pensionsantrittsalters. „Wer früher in den Ruhestand gehen will, muss mit Abschlägen rechnen. Wer noch bei Kräften ist und Freude am Arbeiten hat, soll länger arbeiten können. Dafür soll es auch einen entsprechenden finanziellen Anreiz geben“, so Scharinger. Die Pensionsvorsorge müsse auf mehrere Beine gestellt werden: Generationenvertrag, betriebliche und private Vorsorge und wenn das nicht ausreicht, auch Unterstützung aus dem Budget. Scharinger forderte außerdem, dass die ältere Generation keine Hypotheken auf die junge Generation ziehen dürfe. Es sei notwendig, das Budget zu konsolidieren sowie das Steuersystem und die Verwaltung zu vereinfachen. Gerade bei niedrigen Pensionen sei eine gerechte Inflationsabgeltung wichtig.
Familienförderung
Zur Überalterung der Gesellschaft meinte Scharinger, dass dieses Problem nicht allein über Zuwanderung gelöst werden könne, sondern über Familienförderung. In diesem Zusammenhang betonte er, dass der Raiffeisenlandesbank OÖ die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein großes Anliegen ist. Sie richtet als erste Bank in Oberösterreich ab Herbst ganzjährig eine betriebsinterne Krabbelstube und einen alterserweiterten Kindergarten ein. Ziel sei es, den Mitarbeiterinnen einen möglichst raschen Wiedereinstieg in das Berufsleben zu ermöglichen.


